Ich lege mein Handy beiseite und mustere es gedankenverloren, bis die automatische Tastensperre einrastet und das Display erlischt. Ich stopfe es in meine Tasche und kraule den dicken Kater unter dem Kinn, weil er aus reiner Neugierde direkt mit hinein will und nur Zuneigung ihn bremsen kann. Du möchtest auch gerne wissen, was los ist, hm?
frage ich ihn. Seine Antwort, ein heftiger Kopfstubser, fällt für mich eindeutig aus. Ich nehme mir noch ein paar Minuten und biete ihm meine zum Schneidersitz verbogenen Beine zum Ruhen an. Sein Schnurren in höchsten Tönen gibt mir die Ruhe, einmal zu mir zu kommen. Meine Gedanken zu ordnen.
Ich habe das Gefühl, dass irgend etwas nicht stimmt. Es ist nicht das Kaum-Telefonieren, es ist nicht das Selten-Zusammenkommen. Ich weiß, wir beide haben wenig Zeit, wir beide haben viele Dinge zu ordnen, die wir nicht angefragt haben, die uns nicht willkommen sind und uns trotzdem zu viel von der kostbaren Zeit rauben, die wir sonst in Teilen miteinander verbringen würden. Aber würden wir – jetzt, heute – wirklich, sofern wir sie hätten?
Wenn ich genauer nachdenke, muss ich feststellen, nicht wirklich da gewesen zu sein in den letzten Monaten. Aufmerksamkeitsfenster hier und da, aber halt nur Fenster, und sperrangelweit offen waren sie auch nicht. Das Wort „Schuld“ schlägt plötzlich direkt hinter meiner Stirnplatte ein und ich frage mich, ob ich es bin, die hier vielleicht das ist, was nicht stimmt. Ich drehe und wende meine Gedanken, lege die Stirn abwechselnd in Quer- und Längsfalten und beschließe, dass das Wort „Schuld“ zu groß ist für etwas, was ich noch nicht einmal fassen kann. Von dem ich noch nicht einmal weiß, ob es wirklich da ist. Alles, was ich weiß und dessen ich mir sicher bin ist, dass mich das Schweigen schmerzt.
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es Zeit ist, aufzubrechen. Ich ziehe den dicken Kater vorsichtig am Ohr und stelle ihm die alles entscheidende Frage: Und, was mache ich jetzt?
Er verlässt sein Bett aus Menschenbeinen, lässt sich neben mir auf die Couch fallen und gähnt mich blinzelnd an.
Er hat so Recht. Die Ruhe bewahren, abwarten – das ist mit Abstand das Beste, was ich jetzt für uns tun kann.