Dienstag, 26. Februar 2008
Ein Band sie zu knechten, sie alle zu finden. Ins Putzwasser zu treiben, und ewig zu binden.
Als wir Anno 2004 die Räumlichkeiten bezogen, die wir heute unser zu Hause nennen, da wurde ich von unserer direkten Türnachbarin freundlich während eines Flurgespräches mit den Worten Und hier wird nur geputzt, wenns dreckig ist!
empfangen. Dass sie mir umgehend sympathisch war muss ich wohl nicht erwähnen. Und so wohnten und lebten wir das eine oder andere Jahr friedlich nebeneinander und scherten uns im wahrsten Sinne des Wortes einen Dreck darum, dass man als Frau nunmal Samstag Vormittags bis 12 den gemeinsamen Flur im wöchentlichen Wechselverfahren geputzt haben muss, um vor der Gesellschaft als vollwertig reinliches Mitglied zu bestehen.
Als sie dann im Dezember auszog, um in eine größere Wohnung ein und ihr Kind groß zu ziehen, da hoffte und betete ich inständig um adäquaten Ersatz. Tief in meinem Inneren wünschte ich mir einen wehrdienstverweigernden Junggesellen, der Feudel aus reiner Unwissenheit für Infektionskrankheiten hielte, und diese Etage friedlich mit mir und meinem geringen Bedürfnis, sauber erscheinende Flächen noch sauberer zu wienern, teilen würde.
Vor einigen Wochen begegnete ich dann ihr. Unserer neuen Nachbarin in spe, im folgenden kreativ verkürzend „Ke“ genannt. Ich brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu erkennen, dass Ke dem Stamme der pflichtbewussten Altbackenen entstammen musste und mit meinem Wunschjüngling ungefähr soviel gemein hatte wie ein brennender Busch mit einer jungen Wasserschnecke. Und so drückte ich mein Mittzwanziger-Patschehändchen hochinitiativ in ihre Anfang-40er-Hand, um mich mit Vornamen vorzustellen. Freundlich, aber dennoch latent irritiert nannte sie mir erst Nach- dann Vornamen und ergriff diese erste Gelegenheit des Kennenlernens, nahtlos das Thema Putzen anzuschneiden. Natürlich, so von Frau zu Frau. Putzen – ein geradezu idiotensicheres Kennenlern-Thema für Weibchen. Ich war dementsprechend schockiert, erinnerte mich an den zauberhaften Moment meines eigenen Einzuges und verspürte große, nein, unbändige Lust auf Tradition. Geputzt wird, wenns dreckig ist!
strahlte ich sie an, wünschte ihr im selben Atemzuge erfolgreiche Renovierungsmaßnahmen und einen guten Einzug – und verschwand schleunigst in unserer Wohnung.
Nun hat Ke ihre Räumlichkeiten bezogen. Das merkt man daran, dass man nichts merkt. Ke hört ganz offensichtlich keine Musik, Ke lacht nicht laut, Ke hustet noch nicht einmal beim Verlassen ihrer Wohnung. In anderen Worten: Ke macht mir Angst. Bis gestern wusste ich auch nur von ihrem Dasein, da sie morgens den Schlüssel in ihrem Schloss dreht, wenn ich an meinem ersten Kaffee nippe. Gestern dann war der Tag gekommen, an dem der Poschist und ich an ihrer Türe schellten, ihr Brot und Salz zu reichen. Das schwingt vielleicht ein wenig gestrig, aber ich mag diese nette Willkommensgeste und das damit verbundene „Wir sind dir wohlgesonnen und kommunikativ“-Statement. Das mag manipulativ erscheinen. Ist es auch.
Der Poschist hielt also das Brot, ich das Salz (ich habe eine Melone getragen!), und als Ke uns die Türe öffnete, hießen wir sie herzlich willkommen hinter der dicken Mauer unseres Wohnzimmers. Ke freute sich. Ke drückte sich das Brot ans Herz und bedauerte den noch halbrohen Zustand ihrer Wohnung, der es ihr nicht erlaubte, uns hereinzubitten, und lachte laut und herzlich. Wir freuten uns. Über ihre Freude, über Ke, und darüber, dass auch wir weiter laut lachen würden dürfen. Und dann sprach Ke das Putzen an. Also wie das denn jetzt konkret wäre. Das mit dem Putzen. Ich war noch damit beschäftigt, mit dem Lachen aufzuhören, da drangen folgende Worte an mein Ohr, Worte, die ich nie vergessen werde können und die mir die mögliche Tragweite weiblicher Verbindlichkeits- und Reinheitsbedürfnisse in gnadenloser Schärfe aufzeichneten. Ke fragte, nicht ohne einen gewissen Stolz:
Sollen wir da ein Bändchen hin- und hergehen lassen? Dann wissen wir immer, wer dran ist!
Ein Bändchen! Hin- und hergehen lassen! Zum PUTZEN! Der Poschist und ich konnten nicht umhin, uns für einen Moment fassungslos anzustarren. Das sind so Momente, in denen ich diesen Mann vom Fleck weg abknutschen könnte, denn er begann, breit zu lachen. Und so, mit dieser lachenden Begleitung, fiel es mir nicht schwer, mein Statement ob des unkomplizierten Flurputzens zu erneuern. Ich referierte dann wegen Kes leicht verlorenen Gesichtsausdruckes noch ein wenig in Nebensatzform über Selbstständigkeit, chronischen Zeitmangel und anderen Prioritäten im Leben, bevor mein Poschist das Thema galant auf die noch einzurichtenden Kommunikationsmittel lenkte, und mich somit von meinem Schreckgestammel erlöste. Wenige Minuten später hatten wir uns dann endgültig ausreichend verkrampft im Dreieck angelächelt, und gingen wieder unserer Wohnungen, wo der Poschist und ich uns erst einmal geradezu körperlich von dem Schreck erhohlen mussten.
Ich glaube, wir werden noch viel Spaß mit Ke haben.
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