Eigentlich müsste für mich, Rheinländer der ich nun mal bin, der heutige Tag alleine Anlass zum Feiern sein. Ich müsste kostümbekleidet fremden Menschen am Arm hängen, schunkelnderweise, und magenintern mindestens 8 Kölsch ausbalancieren, während meine rot bemalten Lippen Lieder rund um Fründschaft formen.
Heute ist aber kein Tag zum Feiern. Nein, nicht einmal im Ansatz. Ich bin nämlich heute schon fast aus Prinzip schlecht gelaunt, und das nicht nur, weil Montage an sich schon in der Wochenhitliste ganz unten anzutreffen sind, sondern weil heute auch noch das Wort „Rosen“ unbedingt vor dem „Montag“ stehen muss. Dieses vorstehende „Rosen“ ist mit 4 vergangenen Tagen Zwangsbeschallung schwanger, und stellt den schmerzhaften Höhepunkt vor dem heißersehnten Abebben des karnevalistischen Kulturzyklusses dar. In anderen Worten: Hück jeht he de Zoch. Und mir rollen sich die Fingernägel nach außen.
Karneval und ich, wir haben ein zutiefst gestörtes Verhältnis. Erlernte ich noch das Laufen in Funkenmariechenstiefeln, kann ich heute noch nicht einmal mehr einen läppischen Spagat. Bützte ich damals alle dahergelaufenen Mittsechziger, arglos Spitzenhöschen tragend, ließe ich mich heute noch nicht einmal zum getanzten Stippeföttche unter Zeugen hinreißen. Nein, die karnevalistische Zeit ist absolut vorbei für serotonische.
Doch wie kommt es, dass so ein braves rheinländisches Mädsche so verkommt, wie ich? Isch machet kurz:
Mein Vater war Vorsitzender gleich zweier Karnevalsvereine.
Demzufolge war mein vier-oder-fünf-jähriges Ich schon Mitglied der Tanzgruppe der Bonner Sternschnuppen. Demzufolge war Karneval nicht nur saisonal bedingt lebensbestimmend, sondern ganzjährig. Als ich dann ein wenig älter wurde und mir doch tatsächlich ein eigener Kopf wuchs, kam ich zumindest aus der regelmäßigen Tanzgruppennummer raus, wurde aber in ein viel größeres Unglück gestürzt: Ich war fortan das arme, unglückselige Geschöpf, dass auf Papis selbst organisierten Karnevalssitzungen in Tanzmariemontur die vielfältig Auftretenden durch Sitzreihen auf die Bühne - und wieder herunter führen musste. Wenn ich es ganz, ganz glücklich traf, durfte ich diese Drecksarbeit anderen überlassen und Getränke Kölsch für hunderte eh schon Besoffene rankarren. Oder einen Soloauftritt hinlegen. Oder eine Kombination aus den Dreien absolvieren.

Und so bleib es nicht aus, dass mir immer ganz besonders viel Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Ein Alkoholfahnenmeer schwenkendes Gib dem Onkel mal ein Bützje
hier, ein unter ranzigem Lippenstift gepoltertes Ach, dat Kleen vom $Vorsitzenden, loss disch ens drücken
dort – ein nie enden wollender Kontaktzwang in Spitzenhöschen. Und ich mittendrin, von Papis Ehrgeiz getrieben und immer mit einem leisen Gefühl von „Ich will das nicht“ im Bauch und Ekelgänsehaut vor all den dicknäsigen Schnapsnasen, die vor lauter Fröhlichkeit nur noch Fratzen hatten, wo normalerweise Gesichter sitzen, und mir diese völlig ungenierten Blicke unter den Rock schickten, deren Bedeutung ich noch nicht kannte, mir aber nichtsdestotrotz hochunangenehm waren.
Im Alter von 12 Jahren fand dieser Spuk scheidungsbedingt sein glückliches Ende. Ich war wieder frei und mied karnevalistische Aktivitäten, bis jugendlicher Gruppenzwang mich ebenfalls zum Alkoholspaßopfer machte. Aber wie sich mit dem Alter™ ja so einiges rauswächst, war ich von dieser Krankheit nach nur 3 Saufzyklen mindestens genauso befreit, wie vom Nägelkauen.
Im Laufe der Jahre ist meine Abneigung gegen den rheinischen Karneval an sich stetig gewachsen und schlussendlich in absoluter Ablehnung aufgegangen. Ich gönne jedem den Spaß in der fünften Jahreszeit, aber wenn mich jemand fragt: Geh mir weg.
Weg mit „Eschte Fründe“, weg mit dem „Trömmelsche“, weg mit der „Karawane“. Ich freu mich auf den Aschermittwoch.
So, und jetzt erklär mir bitte noch jemand, daß gemäß dem
Aufgenommen: Donnerstag, 7. Februar 2008