Morgens am See, die Domfrau und ich schlendern einen schmalen Schotterweg entlang. Es ist heiß, für diese Zeit schon recht drückend, und unsere Gedanken sind nicht hier am See, nicht an den Büschen, nicht zwischen den verdorrten Grashalmen – und auch das rege Vogelzwitscher ist nicht Gegenstand unserer zerissenen Überlegungen. Und da, plötzlich, sitzt es auf dem Boden, rührt sich kaum und schließt immer wieder schwach die Augen: ein Vogeljunges.
Schlagartig sind sie weg, die Zukunftssorgen, aufgesogen von diesem kleinen, hilflosen Tier, das ganz offensichtlich schwächer ist, als so ein Jungvogel eigentlich sein sollte. Während ich noch unsicher überlege, wie und ob man überhaupt so einem kleinen Wesen helfen könnte, entfährt der Domfrau ein fast resolutes „Den können wir nicht hier lassen“ – und hat im gleichen Atemzug schon die Person aus dem schon 1 Jahrzehnt alten Teil ihrer Gehirnwindungen gekramt, die Wissen und Erfahrung im Umgang mit kranken Vögeln besitzt. Ein Anruf mit genauer Beschreibung der Situation, des Gefieders, des Körperbaus des Kleinen und es steht fest, dass er aufgepäppelt werden muss. Und dass da schon jemand ist, der sich des zarten Wesens annimmt. Vorsichtig hebe ich die wenigen Gramm Leben in meine Kameratsche, und wir machen uns auf den Weg zu einer Frau, die mir wohl immer als „Die Vogelfrau“ in Erinnerung bleiben wird.
Herzlich werden wir von ihr und ihrem Mann empfangen, behutsam nimmt sie den Vogel aus der Tasche, ruft ein leises Oh jeee, na du Kleiner!
und schaut ihn sich eingehend an. Die Hand ist so locker um den zerbrechlichen Körper gelegt, dass der Kleine problemlos davonhüpfen könnte. Und – nennt mich bescheuert – ich glaube, selbst wenn er kräftig genug gewesen wäre, wäre er sitzen geblieben und beide hätten sich genau so angeschaut, wie sie sich auch jetzt anschauten.

Währenddessen blicken die Domfrau und ich uns um. Wir sehen eine zerrupft wirkende und eine vollkommen gesund und kräftig anmutende Taube, ein flauschiges Meisenjunges, hören von einer Elster im Haus, sehen ein sehr altes Meerschweinchen, welches aus einem Müllcontainer gefischt wurde, sowie einen überaus schwachen Igel, der ein Auge an einen Hund verloren und mit einer schweren Erkältung zu kämpfen hat. Überall Leben in dieser Küche, und nicht nur in der Küche! Draußen, auf der Fensterbank, tummelen sich Amseln, Meisen und noch weitere Arten – und schauen immer wieder neugierig zu uns hinein. Es liegt eine fast magische Vertrautheit zwischen dieser Frau und den Tieren in der Luft, ich kann sie fast greifen. Und auch das Schimmern in den Augen der Domfrau verrät die Begeisterung ob dieser aufopferungsvollen Vertrautheit.
Die Vogelfrau berichtet uns von all den Jahren, in denen sie für die Vögel da war, berichtet uns von den schönen Erfolgen, aber auch von ihrer Ermüdung. Dass sie das alles eigentlich, schon seit Jahren, nicht mehr möchte, dass sie es vermisst, Zeit für sich zu haben, all die Dinge zu tun, die sie nicht machen kann, weil da kleine Herzen weiterschlagen möchten. Und, dass sie es trotzdem immer wieder tut. Sie ist froh, dass das kleine Wesen, welches die Domfrau und ich ihr brachten, eine Schwalbe ist, ein Vogel, der sich nicht an den Ort gebunden fühlen wird, der wieder zurückkehren kann zu seinem Schwarm. Ihre Freude ist nicht ganz uneigennützig, auch das gesteht sie, und wir lächeln. Lächeln diese Frau an, lächeln diesen Mann an, der sie so selbstverständlich unterstützt.
Als wir von der kleinen Schwalbe und den beiden Menschen Abschied nehmen, sind wir angefüllt mit Faszination und Dankbarkeit. Und es dauert noch etliche Minuten, bis die Sorge wieder bei uns anklopft, um das Vogelgezwitscher zu übertönen.